Ein Grund für den Einsatz virtueller Lernwelten ist die fortwährende Weiterbildung der hoch qualifizierten Facharbeiter, die jährlich für rund 500 Airlines Flugzeuge inspizieren und warten. Die Wartungsintervalle für Passagiermaschinen sind gesetzlich festgelegt.
Die Mehrheit der weltweit rund 3500 Beschäftigten arbeiten am Hauptsitz in Zürich, wo sie Triebwerke instand setzen, die Außenlackierung erneuern, Komponenten prüfen und ersetzen, die Elektronik testen oder Flugzeuginterieurs modifizieren.
„Damit unsere Mitarbeiter wissen wie einzelne Bauteile funktionieren, diese auszutauschen oder wie diese zu bedienen sind, schulen wir sie in virtuellen Trainings“, erklärt Personalentwicklerin Tamara Müller. Wobei die Lerninhalte – der Content – keine reine Standardware ist, sondern von SR Technics modifiziert wird. Anwender sind neue Mitarbeiter, die zum Start einen mehrstufigen Online-Kurs absolvieren müssen. Dieser erklärt wie sie sich korrekt und vor allem unfallfrei in Abfertigungshallen, den Backoffice-Bereichen oder dem Rollfeld bewegen sollen.
Die gesetzlichen Vorschriften sorgen für die persönliche Sicherheit der Beschäftigten auf dem Flughafengelände. „Gäbe es keine Online-Kurse, in denen jeder neue Mitarbeiter ab dem ersten Arbeitstag selbständig üben kann, müssten die Kollegen auf Präsenzseminare womöglich mehrere Wochen warten. Die grundlegenden Sicherheitsregeln zu kennen ist eine wichtige Voraussetzung, um überhaupt am Flughafen arbeiten zu können“, verdeutlicht Tamara Müller die zeitunabhängigen Vorteile der virtuellen Weiterbildung. Hinzu kommt ein weiterer Punkt. e-Learning ist im Schnitt um bis zu 60 Prozent günstiger als vergleichbare Präsenzseminare.
Beim Hersteller SkillSoft sieht man zudem drei globale Trends, die das virtuelle Lernen beschleunigen. Erstens mache es die demografische Entwicklung schwerer, neue Talente einfach einzukaufen. Der Fokus verlagere sich von der Einstellung „fertiger“ Mitarbeiter auf die Entwicklung von Talenten. „Zweitens sind Chefs heute viel eher bereit, Personalentwicklung als Investition denn als bloßen Kostenfaktor zu sehen“, argumentiert Stefan Janssen, Europa-Chef von SkillSoft. Dafür erwarten sie aber, dass Schulungsverantwortliche den Return-on-Invest nachweisen können. Und drittens führen steigender Wettbewerb und der damit verbundene Kostendruck dazu, dass Arbeitnehmer und -geber sowie Weiterbildungsunternehmen mit weniger Mitteln gleiche oder sogar bessere Ergebnisse erzielen müssen.
Doch bei aller Trend-Euphorie hat reines virtuelles Lernen auch Schwächen. Hauptkritikpunkt ist der fehlende Tutor. Im Gegensatz zu Trainings in der realen Welt sehen sich Schüler und Dozenten beim e-Learning nicht. Dadurch fehlen Kommunikationsroutinen. Eine Handgeste, ein bestätigendes Lächeln oder ein Kopfschütteln. Die Gefahr besteht, dass der Lehrer diese wichtigen Signale verliert. Er kann das Verhalten der Lerner schlechter einschätzen. „Die Lösung für diese Dissonanz heisst Blended Learning“, verdeutlicht Stefan Janssen. Eine Symbiose aus Klassenzimmer und Lehrer einerseits und Virtualität, also Computer und digitalisiertes Buch, Video oder Simulation andererseits. Diese Art des Lernens hilft Kosten zu sparen. „Beispielsweise streichen Unternehmen teure Tagesseminare und kaufen oder mieten stattdessen e-Learning-Software, die jeder nebenbei anwenden kann“, sagt Janssen. Was wenig arbeitnehmerfreundlich klingt, birgt Chancen in sich: „Mittlerweile sind ganze Enzyklopädien und Bibliotheken digitalisiert, so dass sie über Suchbegriffe und Navigationssysteme weltweit zur Verfügung stehen“, erklärt der SkillSoft-Mann. Wer eine Lösung etwa zu einem EDV-Problem sucht, findet sie in diesen Books.
Auch SR Technics kombiniert virtuelles Lernen mit klassischen Seminaren. Überall dort, wo Basiswissen schneller individuell erworben werden kann, bereiten sich jährlich rund 200 SR Technics Mitarbeitende bis zu 15 Stunden vorab am PC auf ein Präsenzseminar vor. „Anschließend schicken wir sie in die Schulungen, in denen sie lernen, theoretisches Wissen praktisch anzuwenden“, erläutert Personalentwicklerin Tamara Müller. Dabei geht es hauptsächlich um Sprachtrainings oder effizientes Prozessmanagement wie etwa Six Sigma. Als Beispiel dafür, dass sich diese Art des Lernens auszahlt, beschreibt die Fachfrau einen aktuellen Fall:
Steht in den riesigen Flugzeughallen ein Triebwerk zur Generalüberholung an, transportiert der Flugverkehr-Dienstleister die tonnenschwere Komponente bisher von einer Werkstatt zur nächsten. Am ersten Standort kümmert sich ein fünf bis zehn Mann starkes Team um die Technik. In der zweiten Arbeitsstätte geht es der Elektronik zu Leibe und in der dritten beseitigt eine weitere Mannschaft Lackschäden. Logistisch ist die Verschiebung des haushohen Triebwerks von Platz A nach B ein gewaltiger Aufwand. Denn um die kolossalen Antriebsmaschinen ohne Beschädigung zu verschieben, müssen meterbreite Wegstrecken in den Werkstätten leer geräumt werden. Teuer in Anschaffung und Unterhalt sind obendrein die Flurfahrzeuge, auf deren Ladeflächen die Komponenten für den Transport ruhen. Der zuständige Bereichsleiter erkannte, dass hier ein enormes Einsparungspotenzial schlummert. Nach einer intensiven e-Learning-Schulung in der der Einsatz von Analyse-Werkzeugen und -Metriken für Projektentscheidungen vertieft wird entwickelte er einen neuen Arbeitsprozess, mit dem Techniker deutlich schneller und produktiver arbeiten können: Anstatt das sperrige Triebwerk zu bewegen, wechseln sich jetzt mobile Wartungsteams mit der Instandhaltung ab. Die Arbeitsgruppen kommen zum Triebwerk, statt wie bisher umgekehrt. Das spart Zeit und somit Geld. „Im Fluggeschäft sind Standzeiten teuer, wer sie verkürzen kann, hat Wettbewerbsvorteile“, bestätigt Tamara Müller.
SR Technics hat die Six Sigma-Schulungen in ein Raster eingefügt. Es gibt drei Lernebenen. Das Einsteigerprogramm, den Yellow-Belt – sprich gelber Gürtel, absolvieren Jobstarter oder Trainees. Hier geht es um die Grundlagen, wie die tägliche Arbeit effizienter gestaltet und Prozesse verbessert werden können. Etwa den Schreibtisch oder den Montagearbeitsplatz effektiv einzurichten. Angefangen bei simplen Tipps, zum Beispiel warum Linkshänder ihr Telefon besser links neben dem Bildschirm platzieren sollen, bis hin zum aufwändigeren Ausfüllen von Spesenabrechnungen.
„In der Green-Belt-Ebene geht es um Prozessoptimierung“, erklärt Tamara Müller. Die geschilderte Umstellung der Montage in der Triebwerkswartung ist so ein typisches Projekt. Oder das Vorhaben des Buchhalters, der mehr Kostentransparenz in seinen Abrechnungen will. Durch seine Idee kann SR Technics Wartungsarbeiten nun detailliert vor- und nachkalkulieren. Statt einer pauschalen Flatrate für die Fluglinienbetreiber listet das Serviceunternehmen mittlerweile exakt alle Arbeitsstunden und Materialien auf, die angefallen sind. „Ähnlich einer Rechnung beim Werkstattbesuch mit einem Auto“, verdeutlicht Tamara Müller. Diese klare Sicht auf alle Kosten, die während einer Wartung entstehen, nutzt SR Technics nicht nur für interne Transparenz, sondern präsentiert sie ihren Kunden. An Stelle einer unbekannten Grösse kann jetzt jede Airline nachvollziehen, warum sie wie viel für eine Wartung bezahlen muss. „Was auch unsere Position gegenüber den Kunden stärkt“, wie die Personalfachfrau weiß.
In der Regel laufen die Green-Belt-Projekte drei Monate. Bis zu einem halben Dutzend Mitarbeiter sind involviert. Grundvoraussetzung ist das Durchlaufen eines e-Learning- Tools zur Prozessoptimierung. Geschult und abgefragt werden dort Methoden wie die Fishbone-Analyse. Das Ursache-Wirkungs-Diagramm stellt Kausalitätsbeziehungen dar. Im Lernprogramm vermitteln Videoanimationen wie der User damit am einfachsten und effizientesten arbeitet. Mit dem Ziel, sein eigenes Projekt ebenfalls so zu steuern. Er lernt zu erkennen, wann er beispielsweise zusätzliche Fachkompetenz einholt oder wie lange er für die Umsetzung verschiedener Maßnahmen kalkulieren muss. Oder er definiert Signale, die erkennen lassen, wann ein Projekt zu scheitern droht. Begleitet wird die Lern- und später die Projektphase von drei internen Trainern, die als Mentoren Unterstützung leisten. Zusätzlich bietet SkillSoft ein Servicecenter an, das User für Softwarefragen konsultieren können.
Dritte Qualifizierungsphase ist die Black-Belt-Stufe. Der schwarze Gürtel ist auf Führungskräfte ausgerichtet, die Prozesse initiieren, die vertiefte Analysen verlangen und zweitens strategischen Charakter haben. Etwa den Eintritt in neue Märkte, den Aufbau eines Standortes oder die Einführung einer neuen Dienstleistung. Im e-Learning können die Führungskräfte simulieren, wie Entscheidungen bei Personal und Kunden ankommen oder sie erfahren wie sie Projekte konzeptionell angehen und lösen können. Inhaltlich geht es unter anderem um Führungsfragen und Antworten auf komplexe weil mehrstufige Prozesse.
Seit Einführung des e-Learnings hat SR Technics alleine auf Green-Belt-Ebene rund 40 Projekte angestossen und abgeschlossen. In Einzelfällen konnten Einsparungen von bis zu 25 Prozent realisiert werden. Außerdem hat Tamara Müller beobachtet, dass „sich ein Klimawechsel innerhalb des Unternehmens vollzieht.“ Anstelle von Inseldenken würde mittlerweile Departement übergreifend zusammengearbeitet. Buchhalter konsultieren Mechaniker und Ingenieure liefern bereitwillig Informationen an Kollegen aus der Verwaltung. Im Idealfall bilden sie temporäre Lern- und Prozessgemeinschaften, um Probleme zu lösen. Obendrein baut der strukturierte und abteilungsübergreifende Wissenserwerb Hemmschwellen ab und stärkt das Wir-Gefühl, ist sich die Personalentwicklerin sicher.
Erkenntnisse aus dem Fallbeispiel
Prozessmanagement auf der Basis von e-Learning sorgt für raschen Wissenstransfer in sämtlichen Unternehmensbereichen und verbessert die Rentabilität.
Ständige Wissensvermittlung ist in der komplexen Luftfahrtbranche wichtig, um die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens zu gewährleisten. Um schneller und effizienter Know-how zu vermitteln setzt SR Technics seit sechs Jahren neben klassischen Seminaren verstärkt auf e-Learning. Um es einzuführen und Mitarbeiter dafür zu begeistern, sind sieben Bausteine wichtig:
- Online mit Realität verknüpfen.
Um reibungslos von einer realen Lernwelt in eine virtuelle zu gleiten, bedarf es der Kopplung von e-Learning an echte Projekte.
- Nicht alle können alles lernen.
SR Technics hat drei Lernebenen definiert: Einsteiger, Projektleiter und Führungskräfte können Module durchlaufen, die sie befähigen, ihren Job strukturierter und somit effektiver zu erledigen.
- Kommunikation ist das A und O. Digitales Lernen von oben zu verordnen klappt nicht. Kick-off-Veranstaltungen an denen die Programme live vorgestellt werden sind ebenso unerlässlich wie eine ständige Begleitung durch Trainer, Vorgesetzte oder Tutoren.
- Zeitachse definieren.
Lern- und Umsetzungsphasen sind bei Projektarbeiten aneinander gekoppelt. In Summe sollten sie nicht länger als ein Vierteljahr dauern. Übergeordnete und strategische Maßnahmen für Führungskräfte sollten auf eineinhalb Jahre befristet sein.
- Die Mischung macht’s.
Online-Schulungen sollten Trainings in Echtzeit ergänzen. Basiswissen kann idealerweise am PC erworben werden. Ein Austausch mit Kollegen auf Augenhöhe ist jedoch unverzichtbar. Er reflektiert, ob Lernerfolge in die Praxis umgesetzt werden können.
- Web 2.0-Elemente steigern den Austausch.
Mit der dauernden Anwendung von e-Learning entstehen firmeninterne Netzwerke. Hierarchien brechen auf, weil Nutzer über Abteilungen hinweg miteinander ins Gespräch kommen. Wissens-Wikis und Lern-Communities bilden die Grundlage für Web 2.0-Kommunikation im eigenen Unternehmen.
- Virtualität spart Geld.
Bis zu 60 Prozent der Kosten sparen Unternehmen ein, wenn Mitarbeiter Online-Lernen. Doch Vorsicht: Auch für das Nebenbeilernen müssen Chefs Zeitbudgets bereitstellen.
Über SR Technics
SR Technics ist einer der weltweit führenden, unabhängigen Anbieter von technischen Dienstleistungen in der zivilen Luftfahrt. Die Gruppe bietet Fluggesellschaften umfassende, maßgeschneiderte Lösungen für die technische Betreuung von Flugzeugflotten, Flugzeugkomponenten und Triebwerken an. Sie hat ihren Hauptsitz am Flughafen Zürich und profitiert bei der Erbringung ihrer Dienstleistungen für rund 500 Fluglinien von ihrer starken internationalen Präsenz in Europa, Asien und im Nahen Osten. SR Technics befindet sich mehrheitlich im Besitz der Mubadala Development Company.
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„Gäbe es keine Online-Kurse, in denen jeder neue Mitarbeiter ab dem ersten Arbeitstag selbständig üben kann, müssten die Kollegen auf Präsenzseminare womöglich mehrere Wochen warten. Die grundlegenden Sicherheitsregeln zu kennen ist eine wichtige Voraussetzung, um überhaupt am Flughafen arbeiten zu können.“
Tamara Müller, Personalentwicklung SR Technics
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